Frage zur Umfrage:
Hat sich die Art Deines persönlichen Musikkonsums durch das Internet verändert?
Ich habe die letzten Monate sehr intensiv über meinen Musikkonsum und Musik im digitalen Zeitalter ansich nachgedacht. Dabei habe ich kritisch meine Angewohnheiten beobachtet. Mit entsetzen stellte ich fest, dass Musik für mich zwar nicht an Bedeutung verloren hat, allerdings die Halbwertzeit der Musikstücke enorm gesunken ist. Es gibt in letzter Zeit kaum Tracks und Sets, die ich wirklich oft angehört habe. Ein Set läuft bei mir z.B. höchstens noch fünf sechs mal (wenn es qualitativ gut ist). Bei Einzelnen Tracks ist die Bilanz noch vernichtender. Dann begab ich mich auf die Ursachensuche. Was hat sich verändert? Warum ist das so? Bei meinen Überlegungen bin ich dann auf die veränderten Bedingungen durch das Internet gestoßen. Welche Auswirkungen hat die digitale Konsevierung von Musik auf den klassischen Musikkonsum. Dabei herausgekommen ist ein Essay, was ich hier gern zur Diskussion stellen würde. Mir ist schon bewusst, dass es sehr umfangreich geworden ist. Also, wer nicht ewig vor dem PC hocken möchte, drucke es bitte aus. Ja das geht auch ;) Ich hoffe auf eine fruchtbare Diskussion. Viel Spass damit und lasst raus was Euch bewegt.
Überarbeitetes Essay als PDF - Download
Die Anregungen der Diskussion hier im Board und mit Bekannten, sowie Artikel zum Thema haben mich dazu bewogen, meine Gedanken ein wenig mehr zu Formen und in eine PDF zu packen. Einige Gedanken wurden ausgearbeitet, andere verworfen und es wurden natürlich auch Neue hinzugefügt.
Ich hoffe auf eine rege Leserschaft und eine fruchtbare Diskussion hier im Tread. Also lasst raus was euch bewegt!
Essay: Digitaler Musikkonsum im Internetzeitalter – Fluch oder Segen? (PDF)
Meine älteren Beiträge habe ich farblich kenntlich gemacht, da doch teilweise erhebliche Unterschiede zum neuen Essay bestehen.
Die Diskussion nach der Veröffentlichung des Essays beginnt HIER
Digitaler Musikkonsum in den Zeiten von web 2.0 – Fluch oder Segen?
Im Zeitalter der Bits und Bytes, die sich im rasanten Tempo durch die Datenleitungen jagen lassen, ist der Vertrieb von Musik so einfach wie noch nie. Gleichzeit wird ein qualitativ hochwertiger Musikkonsum schwieriger. Aus den früher zersplitterten regional geprägten Musikmärkten wurde binnen weniger Jahre ein einheitlicher Weltmarkt. Raum und Zeit sind auf wenige Mausklicks zusammengeschrumpft. Reifephasen und Qualitätskontrollen können mit einem Klick auf die Entertaste übersprungen werden. Das stetige Wachstum von Breitbandinternetanschlüssen eröffnet einer immer größer werdenden Gruppe Musik global über das Internet zu beziehen, aber auch global anzupreisen. Sei es auf dem legalen Wege, etwa über Onlineshops, (Net-)Labelseiten, Artistprofile usw., oder über dunkle Pfade: Sounddateien gibt es in scheinbar unerschöpflichen Mengen und mit riesigen Preis- sowie Qualitätsunterschieden. Jeder hat die Möglichkeit sein Schaffen vorzustellen. Gleichzeitig war es noch nie so günstig und „einfach“ Musik zu produzieren und letztendlich anzubieten. Filter gibt es im Web fast keine. Das globale Produktionsangebot trifft direkt auf die Endkonsumenten, welche die Qualitätskontrolle oft selbst vornehmen müssen.
Der klassische Musikvertrieb steckt in der Krise. Statt nach neuen Geschäftsmodellen zu suchen, wird an den antiquierten Copyrightsystemen und Vertriebswegen des analogen Zeitalters festgehalten. Chancen werden nicht genutzt, neue Techniken werden verteufelt und die knapper werdenden Ressourcen werden in Marketingschlachten einfallsloser Generäle verschossen. Die Distributoren der kommerziellen Musikindustrie übertragen die Grundzüge ihrer alten Geschäftsmodelle auf das neue digitale Medium, fordern die gleichen Tantiemen und schieben die Schuld für ihre Umsatzeinbrüche auf die angebliche Einfallslosigkeit der Musiker, oder auf eine angebliche Diebesmentalität der Nachfrager. Diese wiederum sind verunsichert, ohne dass dem in der Preisgestaltung ausreichend Rechnung getragen wird. Leidtragende sind die Musiker, welche von ihrer Kunst leben möchten. Leidtragende sind die Konsumenten, welche an qualitativ hochwertiger, abwechslungsreicher Musik interessiert sind. Führt die Entwicklung zum Ende qualitativ hochwertiger Musik? Sind frei verfügbare Soundfiles (= Musik in Datenform) der Fluch aus dem Internet, oder eher ein Segen in Form von neuen Möglichkeiten?
Angebot und Nachfrageentwicklung
a) Veränderter Produktionsprozess - das Ende des klassischen Tonträgerzeitalters
Das früher eher rare Endprodukt „Musik für zu Hause“ hat sich seit der Entwicklung von Tonträgern durch den technischen Fortschritt hin zu einem, immer und überall verfügbaren, Massenprodukt weiterentwickelt. Bevor es Tonträger gab, war Musikkonsum jenseits der Konzertsäle, den finanziell privilegierten Kreisen vorbehalten. Musik war nicht konservierbar und Ottonormalbürger in der „ex ante Tonträgerära“ konnten sich schlicht weg kein privates Orchester leisten, welches auf Befehl die eigenen Lieblingsstücke live vorspielt. Die darauf folgende Frühzeit der Musikkonservierung war von oligopolistischen Marktstrukturen geprägt. Das Konservieren war auf eine kleine, finanzkräftige Anbieterschaft beschränkt, die sich als Schnittstelle zwischen Musiker und Endkonsument etablierte. Stetige Innovationen sorgten für vereinfachte Konservierungsverfahren und Kosteneinsparungen im Bereich der Tonträgerproduktion. Irgendwann wurden dies Verfahren selbst für den Endkonsumenten technisch und finanziell möglich. Von Tonbandgeräten zu Tapes, von Tapes hin zu CDs, von der klassischen Audio-CD hin zu mp3. Die digitalisierte Musikverbreitung über Datenleitungen war der vorerst finale Schritt. Der Transport von Musik auf Tonträgern zum Endkonsumenten wurde schlichtweg überflüssig, der Tonträger wird momentan vom universellen Datenträger ersetzt. Wir befinden uns im Übergang zur ex post Tonträgerära. Der Konsument bezieht Daten, den Datenträger stellt er selbst. Die Entstofflichung der konservierten Musik verminderte den wertmäßigen Bezug des Konsumenten zum Produkt. Die ursprünglich auf klassischen Tonträgern konservierte Musik war nicht nur psychisch erfahrbar, sondern auch physisch greifbar und sie musste zum Endkonsumenten auf Autobahnen und nicht über Datenhighways transportiert werden. Ein Mehrwert, dem sich die Konsumenten bewusst waren und für den sie bereit waren einen höheren Preis zu zahlen. Es war aber auch ein anderes Produkt. Das Produkt war nicht ausschließlich Musik, sondern Musik auf Tonträgern. Ein entscheidender Unterschied der oft verkannt wird. Musik an sich ist eine Dienstleistung, Musik auf Tonträgern ist ein Gut. Der klassische Vertrieb von Musik auf Tonträgern umfasst mehr Produktionsstufen und ist stofflich. Der klassische Warenaustausch bis zum Endkonsumenten verlief im Tonträgerzeitalter in groben Zügen in etwa so:
(1.)Musikproduktionsprozess des Musikers (Komponieren, Proben)
(2.)Musikdistribution I (Musiker sucht nach Partner Musik zu Konservieren)
(3.)Musikkonservierung (Aufnahmestudio: Transformation der Musik in Daten)
(4.)Tonträgerproduktion I (Herstellung eines Alphatonträgers)
(5.)Tonträgerdistribution I (Suche nach Tonträgerproduzenten und physischer Transport des Alphatonträgers)
(6.)Tonträgerproduktion II (Produktion der Massentonträger für den Verkauf)
(7.)Tonträgerdistribution II (Stufe Label: Suche nach Vertriebspartnern (Händlern) und physischer Transport der Massentonträger zu diesen)
(8.)Tonträgerdistribution III (Verkauf an Konsumenten)
Um die Dienstleistung Musik zu konsumieren musste man das Gut Tonträger kaufen, welches einen hohen Zeitaufwand, Transport und Lagerkosten verursachte. Dieses aufwendige, aber technisch notwendige Verfahren, bescherte den Distributoren eine enorme Marktmacht als Schnittstelle zwischen Musiker und Musikkonsument. Diese Musikhändler kümmerten sich sowohl um den Vertrieb der Tonträger, als auch um den Einkauf und die Konservierung der Musik. Händler haben eine Gewinnerzielungsabsicht und entscheiden mehr oder weniger nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Welches Produkt ist wie und wo verkäuflich? Dabei können verschiedene Argumente eine Rolle spielen, auf die hier nicht weiter eingegangen wird. Fakt ist, der Händler ist Filter zwischen Musiker und Konsument. Was nicht in das Verkaufskonzept passt, wird nicht gehandelt.
Heute kann man sich diesen Umweg sparen. Der Tonträger wurde vom Soundfile ersetzt. Aus der physischen Konserve wurde eine virtuelle Konserve. Deren Produktion ist bei weitem weniger aufwendig:
(1)Musikproduktionsprozess des Musikers (Komponieren, Proben)
(2)Musikdistribution I (Musiker sucht nach Partner Musik zu Konservieren)
(3)Musikkonservierung (Transformation der Musik in Daten = Soundfiles)
(4)Soundfiledistribution (virtueller Transport über Datenleitungen zum virtuellen Zwischenhändler, oder direkt zum Konsumenten)
Durch den technischen Fortschritt und den Preisverfall im Bereich der Aufnahmemedien hat sich die Musikkonservierung ebenfalls vereinfacht, was besonders im Bereich elektronischer Musik ausschlaggebend ist. Die Konservierung kann mittels passender Software bereits während des Produktionsprozesses erfolgen. Zur Soundfiledistribution zum Preis gleich Null reicht die Bereitstellung im Internet, zum Verkauf schaltet man einen virtuellen Händler dazwischen. Die vorher notwendige Filterfunktion des Handels erlischt, da die Lagerkapazitäten quasi unerschöpflich, gleichzeitig die Grenzkosten für die Lagerung und den Transport der Soundfiles annähernd vernachlässigt werden können. Abgesehen für den Zweck bei gewissen Imagestrategien ist eine Filterung des Contents nicht mehr notwendig.
b) Erhöhtes Angebot durch technische Innovation und Marktintegration
Wie oben bereits erwähnt hat die technische Entwicklung die Konservierung und den Vertrieb von Musik stark vereinfacht. Die dadurch gesunkenen Kosten und gefallenen Hürden haben zur Folge, dass mehr Musiker in der Lage sind, ihre Musik auf dem Endkundenmarkt anzubieten. Das gilt sowohl für den professionellen Musiker, als auch für den mehr oder weniger talentierten Hobbyproduzenten, welcher in web 2.0 Communities nach Publikum sucht. Die Folgen auf der Angebotsseite sind ein enormes Überangebot musikalischen Datenmülls von „Möchtegernkünstlern“, halbgare Produktion serviert mit Rauscheklang, ein enormer Preisdruck für Berufsmusiker und Imageprobleme für qualitativ hochwertige Hobbymusiker. Dieses Phänomen kann man als erhöhtes Angebot durch technische Innovation bezeichnen. Hinzu kommt noch ein zweiter Effekt, der der Marktintegration. Früher waren die Märkte nicht nur nach Musikrichtung ausdifferenziert, sondern auch stark regional geprägt. So waren beispielsweise die Tonträger allein schon aufgrund ihrer physischen Eigenschaften nicht überall verfügbar. Im Internet bestehen keine regionalen Schranken. Musik ist global per Mausklick verfügbar, einzige Bedingung ist ein geeigneter Internetanschluss. Die vielen regionalen Tonträgermärkte fügten sich binnen kurzer Zeit zu einem globalen Soundfilemarkt zusammen, mit dem entsprechenden erhöhtem Angebot. Das heißt, der Konkurrenzdruck zwischen den Musikanbietern wächst.
c) Technische Innovation und Nachfrage - "Download - Copy - Paste - Select- Delete-Mentalität“
Die Konsumenten sehen sich mit einem fast unerschöpflichen, allerdings weitgehend ungefilterten Überangebot konfrontiert. Die notwendige Selektion müssen sie selbst vornehmen. Das was das Internet an Kostenersparnissen im Lager- und Transportbereich auf der Distributionsseite eingebracht hat, trägt jetzt der Konsument in Form von Such- und Selektionskosten, ohne dass auf der Anbieterseite entsprechende kostenkompensierende und am Angebot orientierte Preisnachlässe erfolgten. Der Konsument ist nicht mehr bereit, den antiquaren und aufgeblähten Distributionsapparat der Tonträgerära, welcher vehement versucht seine teilweise überflüssig gewordene Position zu verteidigen, zu finanzieren. Der früher bereitwillig gezahlte Mehrwert ist nicht mehr vorhanden und es sind genügend preisgünstigere Alternativen vorhanden. Sei es im legalen Bereich, etwa durch für den Nutzer kostenfreie Webstreams, von Musikern kostenfrei bereitgestellte Soundfiles, oder im illegalem Bereich: den virtuellen Diebstahl. Es ist eine Illusion zu glauben letzteren Unterbinden zu können. Die Investition in Kopierschutzmechanismen ist reine Ressourcenvernichtung. Im digitalen Zeitalter gibt es genug Möglichkeiten Musik zu vervielfältigen und bereit zu stellen, eine Folge der technischen Innovation im Unterhaltungsmedienbereich. Zur Not muss man die Musik abspielen und digital aufzeichnen. Das Argument das die zu erwartenden Klangqualitätseinbußen dies verhindern würden ist nur bedingt brauchbar. Qualität heißt, dass ein Produkt zweckentsprechend ist. Mit einer Musikanlage aus dem Supermarkt und mit ungeschultem Gehör, wird man darüber wohl hinwegsehen können.
Ein weiterer Punkt der betrachtet werden kann, ist die veränderte Art des Musikkonsums. Der Umgang mit Soundfiles ist bei weitem einfacher und kurzlebiger als mit Tonträgern. Ich bezeichne dies als "Download - Copy - Paste - Select– Delete-Mentalität“. „Download-Copy-Paste“ bezeichnet den Bezug der Musik. Dieser ist durch das Internet stark vereinfacht. Man kann in kurzer Zeit Unmengen an Musikstücken auf seinen Datenträger transferieren, mehr als man je in dieser Zeit anhören könnte. Die angeborene Sammelleidenschaft des Menschengeschlechts fördert diesen Trend. Ist die Musik eingesammelt beginnt der Selektionsprozess. Die Musikstücke werden, falls man es schafft, angehört und bewertet. Danach folgt die Phase Delete, entweder wird das Musikstück gleich vom Datenträger entfernt, oder es landet im Musikarchiv wo es bis zum nächsten Festplattencrash lagert. Besondere Titel haben eventuell die Chance in eine Playlist aufgenommen, oder auf ein externes Abspielgerät übertragen zu werden. Was im Archiv landet wird meist vergessen, einfach aus dem Gehirn gelöscht. Stetig auf der suche nach neuen Hits im Internet bleibt keine Zeit die bereits archivierte Musik eingehend zu genießen. Hörte man früher den erstandenen Tonträger bis man die letzte Melodie mitsummen konnte, so ist es heute schon bemerkenswert einen Titel mehr als fünf Mal angehört zu haben. Die Halbwertszeit der einzelnen Musikkonserven ist gesunken – der zahlenmäßige Konsum ist gestiegen. Digitale Musikkonserven werden zu künstlichen Wegwerfprodukten – die Müllhalde ist die heimische Festplatte.
Ist folglich doch das Internet Schuld an der Misere, da es den Nachfrager überlastet? Nein!
Im Prinzip ist es wie ganz früher – es ist nur alles etwas anders
Wenn der Übergang in die ex post Tonträgerära vollzogen wurde, wird der Wert von Soundfiles gegen Null tendieren. Noch ist man der Meinung mit der heimischen Sammlung von Soundfiles wertvollen Besitz anzuhäufen. Dabei vergießt man leicht deren Wertlosigkeit. Was immer und überall verfügbar ist, muss man nicht Sammeln. Das ist Zeitverschwendung. Noch ist die Musik nicht immer und überall verfügbar, noch befinden wir uns in der Übergangsphase. In ein paar Jahren wird schnelles Internet immer und fast überall so selbstverständlich sein, wie es heute Mobiltelefone sind. Der Konsument wird keine Soundfiles mehr horten, sondern er wird sie anfordern wenn er sie braucht. Quasi ein tragbares Orchester was auf Befehl die Lieblingslieder spielt und fast jeder kann es sich leisten. Die durch die Tonträgerära entstandenen Vertriebswege werden auf ein sehr kleines Niveau zusammenschrumpfen. Und die Musiker? Sie werden Musik machen, aber ihre Musik wird frei sein. Sie werden keine Konserven mehr verkaufen können, aber wenn sie wirklich richtig gut sind, können sie ihre Musik verkaufen. Live - in den Konzertsälen der Zukunft, als Entertainer vor einem gespannten Publikum. Das ist der Mehrwert der Zukunft. Die Musik wird besser werden, da nicht die Konservenfabriken, sondern die Musiker konkurrieren. Das ist der Segen des Internets. Klar wird es nicht mehr so viele durch einen Konservenkommerz generierte Stars geben. Dafür Künstler. Der Minnesänger auf dem Marktplatz wird vergessen, ein Mozart geht in die Analen ein.
Musiker macht Musik: Free music for free people!
PS.: Ich versuche das mal als PDF bereit zu stellen.



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